Die Stromversorgung Kolumbiens

In Cali kommt es regelmäßig zu Stromausfällen, und durch eine Energiekrise könnte das noch viel öfter passieren. Woran das liegt und wieso es bald zu richtigen Engpässen kommen könnte.

Wasserausfälle von bis zu einem Tag sind wir gewohnt, so habe ich gelernt Abstriche zu machen und mit einem Kanister zu duschen. Das ist dank der Masse an Reservekanistern keine große Sache. Wirklich schlimm aber wird es, wenn das Internet nicht geht – immerhin sind wir wahre digital natives. Noch dazu brauchen wir als Auswanderer das Internet auch für den Kontakt nach Hause. Wenn das Internet weg, heißt das, dass der Strom weg ist, und passiert ein, zwei Mal im Monat, bis zu fünf Stunden lang. Wie kommt es dazu?

Die Antwort liegt im Stromnetz. Das Leitungssystem von Emcali, den städtischen Stromwerken, besteht ausschließlich aus Überlandleitungen. Diese werden leicht beschädigt, wenn bei den tropischen Regenfällen Calis Bäume und Äste auf sie stürzen. So kommt es vor allem zu lokalen Ausfällen. Die Reparaturfahrzeuge Emcalis scheinen nicht durchgehend einsatzbereit zu sein, wie vor kurzem beklagt wurde (es). Dass Emcali einen miesen Reparaturservice hat, kann ich bestätigen – für einen Schaden an unserem WLAN-Router haben Zita und ich einen geschlagenen Monat auf den Techniker warten dürfen.

Neben den Netzwerken ist seit einiger Zeit auch die Stromproduktion bedroht. Eine Trockenphase begrenzt die Zufuhr der Wasserkraftwerke, die zwei Drittel der Stromproduktion Kolumbiens ausmachen. Dieses Phänomen, genannt El Niño, löste 1992-93 bereits eine ernste Stromkrise aus. In ganz Kolumbien wurde der Strom ab den Abendstunden abgeschaltet. In einer verzweifelten Aktion stellte der damalige Präsident die Zeit um eine Stunde vor, um das Tageslicht besser auszunutzen. Manuel Santos, damals Minister für Außenhandel, durfte die offizielle Uhr persönlich umstellen.

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Manuel Santos (rechts) stellte am 02.05.1992 die kolumbianische Zeit um eine Stunde vor. Somit hatte Kolumbien die gleiche Uhrzeit wie sein östlicher Nachbar Venezuela. Nach neun Monaten wurde die Maßnahme wieder rückgängig gemacht. Quelle: El Espectador


Quelle: XM, Informe de Operación del SIN

Die kolumbianischen Wasserkraftwerke nutzen die Kraft der zahlreichen Flüsse des Landes. Mithilfe von Stauseen wird der Wasserlauf reguliert, so zum Beispiel in der Laguna de Guatapé, die ich mit meiner Familie besucht habe. Dort wo ursprünglich üppige Andenlandschaft und kleine Bergdörfer lagen, wurde ein riesiger Flickenteppich von See angestaut, der nun die Grundlage für 3,4 % der kolumbianischen Stromproduktion ist. Die Trockenzeit ist auf dem Bild klar zu erkennen. Und das Wasser fehlt nicht nur den Elektrizitätswerken – die Stauseen funktionieren ebenso als Trinkwasserreservoirs. Dazu kommt, dass das Wasserwerk Guatapé neulich für zwei Monate ausfiel, weil eine Turbine durchgeschmort war.

Laguna de Guatapé
Laguna de Guatapé: 4% des kolumbianischen Stroms werden hier produziert.

Drehte Manuel Santos 1992 an der Uhr, entschied er sich 2015, nun Präsident, für eine andere Strategie, die gleichfalls kurios erscheinen mag. Mit einer landesweiten Kampagne forderte die Regierung die Bevölkerung auf, Strom zu sparen. Um den Erfolg zu garantieren, schaffte sie finanzielle Anreize, die nur die Sparer belohnten: Wer im Monat März mehr verbrauchte als im Februar, zahlte für jede Kilowattstunde (kWh) einen Aufschlag. Wer sparte, bekam jede gesparte kWh (doppelt) von der Rechnung abgezogen. Problematisch war das natürlich für all jene, die im Februar besonders wenig Strom verbraucht hatten und nun an diesem Wert gemessen werden. Und ewig bleiben konnte es so nicht: Fabriken können nicht einfach die Produktion verringern, ganz im Gegenteil: der kolumbianische Energiebedarf war seit Jahren im Begriff zu steigen (2015 lag er bei 66 TWh, was einer Steigerung von +4% im Vergleich zum Vorjahr entspricht). Kolumbien ist noch dazu eigentlich Stromexportland – vor allem an Venezuela und an Ecuador (0,8 TWh im Jahr 2014) war verkauft worden. Auch hier musste Santos einlenken: der Export nach Ecuador wurde per Dekret (es) auf die fossilen Kraftwerke beschränkt; der Export nach Venezuela entfiel ohnehin aufgrund der dortigen Wirtschaftskrise. Seit Anfang März 2016 trotz Kampagne klar wurde, dass akut Stromausfälle drohen, verhandelte die kolumbianische Regierung mit den Nachbarländern, Strom sogar zu importieren. Aus Ecuador wurden 5,6 GW zugesagt.

Letztlich endete Im April nahm auch das Wasserkraftwerk Guatapé wieder seinen Betrieb auf, und schließlich konnte Santos zufrieden verkünden, dass die größte Krise überwunden sei und durch seine Kampagne landesweit 5,9% Strom gespart wurde (es). Wir können also unbesorgt das WLAN weiterlaufen lassen; laut Landesbehören (es) liegt der durchschnittliche Wasserstand der nationalen Reservoirs aktuell bei 91 %.

Mehr dazu

Ausblick: Kolumbien hat große Kapazitäten für erneuerbare Energien wie Photovoltaik (Wüstenregion Guajira) und Windkraft (Karibische Küstenregion). Mehr dazu in der Analyse von Germany Trade+Invest.

Bilderstrecke : So erlebte Kolumbien den Stromausfall 1992IMAGEN-16526111-2

Hintergrund: Stromrechnung als Umverteilungsmechanismus

In Kolumbien zahlt man Strom nach Schichten, und die Oberschicht zahlt einen Teil der Stromrechnung der Unterschicht. Die Gesellschaft wird in 5 “Estratos” unterteilt, abhängig vom Wohngebiet. Zum Beispiel ist der größte Teil Aguablancas Estrato 1, während Zita und ich im Estrato 4 wohnen. Der reguläre Strompreis bei Emcali lag Anfang 2016 bei COP 514. Die sozioökonomisch schwächeren Estratos zahlen aber weniger für eine Summe von monatlich bis zu 173 kWh. (Zum Vergleich: Zitas und mein Verbrauch der letzten 6 Monate lag durchschnittlich bei 94 kWh)

  • Estratos 1 und 2 zahlen COP 257,19 pro kWh (bis 173 kWh)
  • Estrato 3 zahlt COP 436,96 (bis 173 kWh)
  • Estrato 4 zahlt COP  514,07 (den vollen Preis)
  • Estratos 5 und 6 zahlen COP 616,89 – dadurch werden die Estratos 1 bis 3 subventioniert. (El País)

Der Estrato hängt interessanterweise nicht vom Einkommen, sondern einzig und allein vom Wohnort ab. Der Staat hat dieses Modell gewählt, weil Einkommensdaten zu zahlreich und zu variabel wären und ein großer Teil der Kolumbianer sowieso kein Einkommen angibt (laut DANE ist etwa die Hälfte der Bevölkerung informell beschäftigt).

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