Zu Gast bei den Urwaldmonstern

Der Amazonas ist eigentlich ein grüner Höllenschlund mit Abertausenden Moskitos. Überleben kann man nur mit viel Diesel, dessen Rohstoff passenderweise vor Ort gefördert werden könnte. Louisa[1], Zita und ich, die drei Deutschen aus Cali, haben uns in diese unwirtliche Umgebung gewagt. Wir litten unter Hitze, unzählbaren Mückenstichen und Angst vor haarigen Monsterspinnen, doch wir haben überlebt!

Angekommen in Leticia, dem kolumbianischen Piratenhafen in der Amazonas-Regio, bestiegen wir ein Schnellboot, dass uns bald in den tiefsten Dschungel bringen sollte.
Wir wanderten vom Fluss aus zwei Stunden in den Wald, um dort unser erstes Nachtlager aufzuschlagen. Dabei hatten wir Kochgeschirr für ein Lagerfeuer, Hängematten und viel Moskitospray. Doch letzteres hat leider nichts geholfen; wir mussten erkennen, dass wir mit jedem Schritt mehr in das Königreich der Schnaken[2] vordrangen. Doch wir wurden auch für unser Leiden belohnt. Nachdem unsere Guides ein ordentliches Lager angelegt hatten, begaben wir uns auf Nachtwanderung. Ich kann gar nicht aufzählen, was wir alles gesehen haben – der Wald beeindruckt mich einfach, an jeder Ecke scheint ein anderes Tier zu hocken. Da waren Echsen, Skorpione, ein Chamäleon – und natürlich unzählige Spinnen, die meinen werten Kolleginnen immer einen Schauer über den Rücken jagten. Ich fand die meisten einfach nur flauschig. Die Nacht verbrachten wir größtenteils damit, gestochen zu werden; die Geräuschkulisse war wie die Ambientemusik im botanischen Garten – Geschnatter, Gequake und ein paar andere unbestimmbare Laute.

Ab Tag zwei lernten wir das Good Life im Regenwald kennen – wir kehrten in einer Dschungellodge ein. Eine Dusche! Fließend Wasser, ein Moskitonetz über dem Bett und Strom von fünf bis zehn gehören eindeutig zu den schönen Seiten des Lebens. Dass der Generator brummt, macht einem nichts mehr aus, wenn man einmal in einem richtigen Bett liegt und morgens frisch gebrühten Kaffee bekommt.
Von der Lodge aus machten wir Ausflüge – und erstaunten immer wieder ob der Artenvielfalt und Menge an Tieren. So fuhren wir kurz um die nächste Flussbiegung, und schon befanden wir uns in der Lagune der Süßwasserdelfine. Sie waren überhaupt nicht nicht scheu und tauchten alle zwei Minuten um uns herum auf, um zum Luft holen. Nachdem man mich ins Wasser geschmissen hatte, schienen sie sogar noch neugieriger. Dann beobachteten wir Raubvögel, Schwalben und einen sehr komischen Vogel; die Oropendula-Vögel lassen ihre Netze in Tropfenform von Bäumen hängen.
Auf Nachttour konnte ich mit eigenen Händen einen Kaiman fangen. (Gut, es war ein Baby.) Es war wie Bio achte Klasse – die Viecher haben wirklich kaltes Blut und Kloaken; sie liegen nachts fast regungslos im Wasser herum, zappeln aber, wenn man sie anpackt; als wir ihnen den Bauch gestreichelt haben, haben sie sich etwas beruhigt.
Für mich besonders interessant war das Piranha-Angeln – es gab mir eine neue Perspektive auf meinen Vegetarismus. So hatte ich zuletzt ein Buch gelesen [3], das infrage stellt, dass Fische überhaupt Gefühle haben. Also habe ich es gewagt und mal selbst einen umgebracht. Disclaimer: Es war purer Zufall, dass bei mir einer ran gegangen ist, und wir hätten sowieso zehn Stück fürs Abendessen gebraucht. Aber es war interessant, zu sehen, wie er da an meiner Angel zappelt. Piranhas, die selbst Menschen im Wasser binnen zwei Minuten vertilgen können, sind nur eine von vielen Sorten Fisch, die im Amazonas gefangen werden. So sah ich auch einen Katzenfisch, einen in Regenbogenfarben, und einen, der Lungen hat. Doch als ich beobachtete, wie all diese Fische im Bootsrumpf langsam erstickten, entschied ich ganz unwissenschaftlich – Fische haben Gefühle.
Zu guter Letzt begaben wir uns zu einem Mann, der Affen schützt, die ganz eindeutig Gefühle haben; einige der Sorten hatten wir auch schon in freier Wildbahn gesehen. Der Coolste war Simón, ein “Spinnenaffe” (acht Finger), der einem immer die Hand gab, um sich dann dran zu hängen und durch die Gegend tragen zu lassen. Sein Besitzer hat ihn von Indigenen, die ihn mehr zufällig gefangen hatten und töten wollten.

Der Amazonas ist ein quirliges Paradies voll wilder Tiere, die eindeutig erhalten gehören. Auch wenn ich immer mehr die Vorzüge von Diesel schätzen gelernt habe, sollte man die Ölvorkommen unter dem Wald natürlich lieber unberührt lassen.
Doch genau dieses Bestreben ist für viele Landesregierungen Südamerikas höchst aktuell.
Nicht nur Brasilien – auch Kolumbien und seine Nachbarländer Ecuador und, insbesondere, Venezuela, erzielen große Anteile ihres BIP aus der Ölförderung. Und es wird tendenziell lieber auf Entwicklung als Konservierung gesetzt.
Da man politisch kaum eine andere Wahl hat, als die Vorkommen auszubeuten, hat sich der ecuadorianische Präsident 2007 etwas besonders Gewitztes einfallen lassen. Er schlugt der internationalen Staatengemeinschaft vor, dass er die Erschließung des Ölfelds im Gebiet des Yasuní-Nationalparks unterlässt, sollte man seinem Land dreieinhalb Milliarden US-Dollar dafür zahlen. Das hätte etwa 50% der Einnahmen durch das Ölfeld entsprochen. Nachdem einige Staaten sogar Interesse an dem Deal bekundet hatten, platzte das Projekt, nachdem sich auch Deutschland mit FDP-geführtem Entwicklungsministerium zurückzog; 2014 begann die Erdölförderung im Yasuní.
Das Paradies, was wir drei in Leticia erlebt haben, kann andernorts nicht auf den Schutz seiner Regierungen zählen. Und schon allein der Klimawandel beeinträchtigt ihn genug – obwohl wir in der Regenzeit reisten, fehlten dem Amazonas ein paar Meter Wasser, und der Stand sank um einen weiteren Meter, während wir dort waren.
Ich bin also froh, diese Reise jetzt angetreten zu haben, solange es noch etwas vom Wald in seiner Quasi-Unberührtheit zu sehen gibt.

Louisa hat sehr geniale Fotos geschossen. Ihr findet sie in Originalqualität in ihrer Dropbox:

Amazonas

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[1] Louisas Blogpost zum Amazonas ist hier
[2] Aus dem Leben eines Badners, der mit anderen Deutschen zusammen wohnt: Zita findet das Wort komisch.
[3] Für alle, die in der Fastenzeit überlegen, auf Fleisch zu verzichten – dieses Buch geht an das Thema mit erfrischend wenig vorgebildeter Meinung heran, schließt am Ende sehr logisch und überlässt einem selbst die Entscheidungen: Alison Hills, “Do animals have rights?”, hier zum Download.